Wahlpflichtkurse

Lernen mit Kopf Herz und Hand – oder: Wenn Pferde zu Lehrern werden

Wer Mittwochmorgens über das Gelände des Kinder- und Jugendzentrums Der Bau- Hof in Wunstorf schlendert, kann Schule mal von einer ganz anderen Seite erleben. Vielleicht entdeckt man drei dösende Schüler*innen, die sich an ein schlafendes Pferd gelehnt haben. Oder Pony und Mensch haben ihre Köpfe durch den Zaun geschoben und grasen gemeinsam eine Runde (wobei eine Seite natürlich nur so tut). Doch wie kommen diese Augenblicke zustande? Die Basis dafür ist die Kooperation zwischen der evangelischen IGS Wunstorf und dem benachbarten Kinder- und Jugendzentrum der Bau-Hof.
Seit drei Jahren ist der Tierbereich des Bau-Hofes Schauplatz der „tierischen“ Zusammenarbeit beider Einrichtungen. Annika Goltermann, Lehrerin an der IGS und selbst seit Jahren ehrenamtlich auf dem Bau-Hof tätig, veranstaltet hier ihr Unterrichtsangebot „Im Dialog mit dem Pferd“. Mit maximal zehn Schüler*innen der siebten Klasse besucht sie einmal die Woche für 90 Minuten die acht Pferde, die in
dem Kinder- und Jugendzentrum zuhause sind und initiiert dabei wertvolle Begegnungen zwischen Schüler*in und Tier. Dabei verknüpft sie erlebnispädagogische, Ansätze mit dem Natural Horsemanship.
Annika Goltermann benennt fünf wichtige Fragen, mit denen die Schüler*innen sich in der Begegnung mit den Equiden auseinandersetzen: Wer bin ich? Was kann ich bzw. wie gelange ich zu einer gesunden Selbsteinschätzung und kann meine Ziele durch planvolles Vorgehen erreichen? Wie wirke ich auf andere, also wie bewege ich mich in sozialen Räumen und Gefügen? Wie lernt mein Pferd und wie kann ich das auf mein eigenes Lernen beziehen? Was will ich oder auch wie geht es mir und was kann ich tun, um dies zu ändern oder zu erhalten? Und zu guter Letzt auch: Wie kann ich mich entspannen? Das Unterrichtsangebot bietet somit einen Rahmen, in dem Persönlichkeitsentwicklung stattfinden kann und welches gleichzeitig Spaß macht.
Durch Erfolgserlebnisse, die mit dem Pferd gemeinsam erzielt werden, sowie durch die zeitweise Entlastung von schulischen Erwartungen und Örtlichkeiten wird ein Schonraum geschaffen, in denen die Teilnehmenden sich mit den beschriebenen Fragestellungen auseinandersetzen können, um daraus mit einem gestärkten Selbstbild und verbesserten Sozialkompetenzen hervorzugehen. So sind auch die Rückmeldungen der teilnehmenden Schüler*innen zu dem etwas anderen Lernangebot durchweg positiv. „Sich einmal nicht so stark konzentrieren zu müssen“ oder im Schulzusammenhang auch mal „runterzukommen und sich zu entspannen“ gehören zu den genannten Punkten, wenn sie auf ihren Wahlpflichtkurs angesprochen werden. Andere schätzen die naturnahe und nicht alltägliche Zusammenarbeit mit dem Pferd, die teilweise an Abendteuer grenzt oder sie freuen sich über die gebotene Abwechslung. Bemerkenswert ist, dass auch die Teilnehmenden selbst Fortschritte in ihrem sozialen Lernen benennen können, womit deutlich wird, dass in diesem Kontext ein Lernfortschritt stattfindet, obgleich er nicht konkret auf die Vermittlung von theoretischen Inhalten gegründet ist. Die Schule kann durch ein solches Angebot ihrem Anspruch an ganzheitliches Lernen mit Kopf, Herz und Hand gerecht werden. Gerade im Umgang mit den Pferden wird diese Trias angesprochen. Gespräche über natürliche Lebensräume der Tiere oder ihr Verhalten ermöglichen außerdem einen Rückbezug auf verschiedene Schulfächer.


Hier gelangen Sie auf die Website des Bau-Hofes:

Der Bau-Hof

WPK "Im Dialog mit dem Pferd"

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Annika Goltermann